Private Logik

Grün und Grün sind zwei Paar Stiefel

Grün und grünLinda, Marianne und Carmen hatten sich vor einer Woche auf die gleiche Stelle als Redaktionsassistentin bei einem bekannten Frauenmagazin beworben.

Linda, 25 Jahre, arbeitete seit einem Jahr als Redaktionsassistentin bei einem kleinen Tagblatt. Mit ihrem flotten Kurzhaarschnitt und ihrem fröhlichen Wesen war sie der Typ zum Pferdestehlen. Anfangs wurde sie unterschätzt, aber mittlerweile wussten die drei Redakteure, denen sie zuarbeitete, dass sie sich jederzeit auf sie verlassen konnten. Freundlich, aber bestimmt setzte sie sich durch und regelte die Dinge so, wie sie es für richtig fand. Im Beruf wollte sie vorwärts kommen. Deshalb bewarbsie sich für das Frauenmagazin. Das wäre für sie ein klarer Sprung nach oben auf der Karriereleiter. Sie würde für ihr Leben gerne Lifestyle-Redakteurin werden.

Marianne, 32 Jahre, war seit vier Jahren Sekretärin in einer Werbeagentur. Sie war sehr fleißig und gewissenhaft und ihre Aufgaben bewältigte sie mühelos. Doch wenn die anderen lachten, warsie nicht dabei. Keine einzige Kollegin hatte sich richtig mit ihr angefreundet. Das machte sie unzufrieden. Genauso war es mit der Mittagspause. Sie wurde selten gefragt, ob sie zum Essen mitkäme. Dadurch fühlte sie sich insgeheim zurückgesetzt. Vermutlich lag es an ihrem Aussehen. Mit ihren mausbraunen, halblangen Haaren und ihrem blassen, rundlichen Gesicht passte sie nicht in die hippe Werbewelt. Deshalb bewarb sie sich für das Frauenmagazin. Mit ihrer Kompetenz konnte sie dort sicherlich punkten und bei Frauenthemen kannte sie sich aus.

Für Carmen, 34 Jahre, waren fünf Jahre als Assistentin der Geschäftsleitung einer Druckerei genug. Sie sehnte sich nach einer neuen Aufgabe und hatte sich auf mehrere Stellen beworben. Freundlich und bescheiden war sie der gute Geist der Firma. Mit ihren großen, smaragdgrünen Augen und ihrem herzförmigen Gesicht strahlte sie Vertrauenswürdigkeit aus. Die Mitarbeiter kamen mit all ihren Sorgen zu ihr und erwarteten, dass sie ihre Probleme mit dem Chef regelte. Was in den meisten Fällen auch gelang. Wenn sie ging, würde sie eine große Lücke hinterlassen. Das tat ihr auch herzlich Leid, aber sie war überzeugt, dass sie den Absprung jetzt schaffen musste, ansonsten blieb sie bis in alle Ewigkeiten die Assistentin vom Chef. Ihr Ziel war es, zunächst als Redaktionsassistentin zu beginnen und dann möglichst als Redakteurin in ein kleines Ressort zu wechseln. Vielleicht ins Kochstudio, denn sie kochte für ihr Leben gerne.

Heute fanden alle drei in der Post ein kurzes Antwortschreiben des Verlags mit folgendem Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Maier, (Blümel, Mertens,)

vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Da für die Stelle weit mehr Bewerbungen eingegangen sind als wir erwartet haben, bitten wir Sie, sich noch eine kleine Weile zu gedulden, bis wir mit Ihnen Kontakt aufnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Ungerer
Personalleitung Minger-Verlag

BewerbungDie drei Frauen interpretierten die wortwörtlich gleiche Information sehr unterschiedlich:

Interpretation 1: Die wollen mich nicht.
„Bestimmt haben sie schon mehrere Bewerberinnen eingeladen und nur, wenn keine passende dabei ist, laden sie mich ein. Das kann ich total vergessen. Das ist so unfair. Immer habe ich das Nachsehen. Wahrscheinlich geht der Personalleiter nur nach dem Bewerbungsbild und nicht nach der Kompetenz. Da kann ich gleich noch ein paar Bewerbungen raushauen."

Interpretation 2: Ich habe Verständnis dafür, dass es noch dauert.
„Zum Glück ist es keine Absage. Ich kann mir gut vorstellen, wie viele Frauen sich auf diese tolle Stelle beworben haben. Deshalb dauert es natürlich auch länger, bis die Personalabteilung alle Bewerbungen gesichtet hat. Ich hoffe sehr, dass sie mich schon bald zum Gespräch einladen."

Interpretation 3: Die testen mich und wollen, dass ich selbst aktiv werde.
„Ich rufe gleich mal an und bedanke mich für die Information. Im Telefongespräch kann ich einen persönlichen Eindruck hinterlassen, eine erste Beziehung aufbauen und vielleicht sogar erreichen, dass ich schneller zum Gespräch eingeladen werde. Weshalb sonst sollten sie schreiben, dass es noch dauert, bis sie sich melden?“

 

Übung

Versetzt euch doch einmal anhand der Beschreibungen in die Lage der drei Frauen.  Könnt ihr die Reaktionen den drei  Frauen zuordnen?

  • Wie interpretiert Linda den Brief?
  • Welche Reaktion kann Marianne zugeschrieben werden?
  • Wie reagiert Carmen auf den Brief?

Die Auflösung erfahrt ihr, wie gewohnt, am nächsten Mittwoch an dieser Stelle. 

Hier nun die Auflösung:

  • Interpretation 1: Die wollen mich nicht.   - So denkt Marianne.
  • Interpretation 2: Ich habe Verständnis dafür, dass es noch dauert. - So denkt Carmen.
  • Interpretation 3: Die testen mich und wollen, dass ich selbst aktiv werde. - So denkt Linda.

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Wir entscheiden nicht aufgrund objektiver Tatsachen, sondern aufgrund unserer Wahrnehmungen, die subjektiv gefärbt sind. Unsere eigenen Erfahrungen sowie Vorurteile prägen unseren persönlichen Lebensstil, beeinflussen unsere Beurteilung und lassen unterschiedliche Meinungen entstehen.